Die Sprache ist die charakteristische Eigenschaft des Menschen. Sie ist sowohl in sozialer Kommunikation als auch in kognitiven Leistungen von sehr großer Bedeutung. Sprache spielt bei geistigen Aktivitäten – wie z. B. Denken, Erinnern – eine zentrale Rolle. Sie beeinflusst somit alle Bereiche der menschlichen Existenz. Unsere Erfahrungen, unser Wissen, unsere Emotionen werden durch Worte und Symbole repräsentiert, vermittelt und wiedererkannt.
Viele von uns haben sich bestimmt keine Gedanken über "Sprachvermögen" gemacht, weil unsere es als "Selbstverständlichkeit" empfunden wird. Warum sollte man sich eigentlich über etwas Gedanken machen, was man für "vollkommen natürlich" hält. Wenn man sich jedoch mit der Frage beschäftigt, wie sich ein Mensch seine Muttersprache aneignet, kommt man zu dem verblüffenden Ergebnis, daß man da ziemlich schwer eine Antwort finden kann. Hat die Sprache in erster Linie ein eigenständiges Modul in unserem kognitiven System, oder ist sie diesem System untergeordnet, d.h. ein Untermodul von unserer Kognition, das nur mit deren Hilfe funktionieren kann.Eine andere interessante Betrachtungsweise ist die Frage, wie die "Sprache" mit "Denken" zusammenhängt. Unser Denkvermögen wird zweifelslos von der Sprache beeinflusst, aber wo ist die Grenze zwischen den beiden Phänomenen.
Die Frage, wie Kinder sprechen lernen, ist ein interessanter und wesentlicher Forschungsschwerpunkt vieler Wissenschaftsdisziplinen. Besonders seit Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hat die Kindersprachforschung in einer unüberschaubaren Fülle von Studien belegt. Wie ein Kind seine Erstsprache(n) erwirbt, ist heutzutage eine Fragestellung, die u.a. in Physiologie, Pädagogik, Biologie oder Psychologie mit steigendem Interesse erforscht wird. Eine klare Trennung dieses Forschungsgebietes ist sehr schwierig, weil sie meist voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Der Spracherwerbsforschung stellen sich somit vielfältige Aufgaben, weil es unterschiedliche Aspekte gibt, die berücksichtigt werden müssen, um zu einem adäquaten Erklärungsmodell heranzukommen. Aus diesem Grund kann die Forschung nicht losgelöst von anderen Nachbardisziplinen betrieben werden.
Darüber hinaus beschreibt die moderne Lingustik den Spracherwerbsprozeß nicht ganzheitlich, sondern ihren Teilbereichen entsprechend. Die Forschung wird auf den einzelnen Ebenen der Linguistik durchgeführt, wie etwa die phonologische, morphologische, lexikalische oder syntaktische Entwicklung des Kindes. Dies macht den Sachverhalt komplizierter, weil die Ergebnisse der jeweiligen Untersuchungen in einer bestimmten Art und Weise kombiniert werden müssen, damit man zu einer einheitlichen Schlußfolgerung kommen kann.
Es gibt zahlreiche Berichte über die Experimente von Pharaonen, Herrschern oder Wissenschaftlern, die verusuchten, das menschliche Sprachvermögen mit unmenschlichen Methoden aufzudecken. Sie wollten damit über die Sprachentwicklung des einzelnen Kindes durch Longitudinalbeobachtung Erkenntnisse über die Sprachentwicklung der gesamten Menschheit gewinnen. Wir wissen inzwischen, daß es während der Sprachentwicklung der Kinder sowohl Gemeinsamkeiten als auch große Unterschiede gibt, weshalb aus einer Person gewonnene Erkentnisse nicht generalisiert werden können. Verläßliche Aussagen können sich erst dann herauskristallisieren, wenn größere Gruppen über längere Zeiträume beobachtet werden.
Die Kindersprachforschung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründet wurde, geht ursprünglich nicht auf Sprachwissenschaft zurück. Mediziner, Philosophen, Pädagogen und Psychologen waren die ersten Forscher in diesem Gebiet. Die Forschung war in ihren Anfängen primär an Methoden der Psychologie orientiert. Die Sprachwissenschaftler spielten zunächst keine bedeutende Rolle. Die ersten Untersuchungen zur Kindersprachforschung waren zunächst darauf ausgerichtet, eigene Kinder in deren frühen Lebensjahren zu beobachten. Die bedeutende wissenschaftliche Untersuchung kam von dem Psychologen Wilhelm Wundt. Er und seine Schüler beschrieben den Spracherwerbsprozess in erster Linie als Ergebnis der Nachahmung. Im Jahre 1907 hat Kindersprachforschung durch die Untersuchungen von Clara und William Stern ihren Wendepunkt erreicht, der auch für die heutige moderne Forschung den Weg bereitete. Die Arbeit von dem Ehepaar Stern richtete sich erstmals auf die systematische und theoretische Darstellung der Sprachentwicklung mit den separat untersuchten Entwicklungsstadien. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Psychologie und Linguistik den Spracherwerbsprozeß der Kinder als neues Forschungsgebiet entdeckt.
Zu einem wesentlichen Gegenstand der modernen Linguistik wurde der Spracherwerb erst durch Noam Chomsky. Die Hypothesen von Chomsky werden in folgenden Kapiteln unser Untersuchungsgegenstand sein. Aber bei der Beantwortung der Frage, wie sich Kinder ihre Erstsprache aneignen, stößt man zunächst auf eine klassische Kontroverse zwischen zwei Polen, d.h. dem empirischen Behaviorismus und dem rationalistischen Nativismus. Es ging dabei grundsätzlich um die Auseinandersetzung, ob Sprache unter Einfluß von Umweltfaktoren gelernt wird oder ob das menschliche Sprachvermögen genetisch angeboren ist.